Marktdruck und Technologiewandel: Warum sich Kalkulationen in der Logistik verändern
Neue Anforderungen an Transportentscheidungen
Steigende Dieselpreise setzen Transportunternehmen aktuell kurzfristig unter erheblichen finanziellen Druck. Gleichzeitig verstärken sie die Dynamik rund um alternative Antriebe und digitale Lösungen. Das wird in den TIMOCOM ThekenTalks deutlich, bei denen Gunnar Gburek, Company Spokesman & Head of Business Affairs bei TIMOCOM mit Vertretern aus Logistik, Industrie und Verbandswesen über die aktuellen Entwicklungen im Transportmarkt gesprochen hat.
„Wir sehen aktuell eine ungewöhnlich starke Überlagerung von kurzfristigem Marktdruck und langfristigen Transformationsentscheidungen“, sagt Gunnar Gburek. „Viele Unternehmen sind gezwungen, auf Sicht zu fahren und gleichzeitig strategisch zu investieren.“
Dieselpreisschock belastet Unternehmen unmittelbar
Die aktuellen Entwicklungen am Energiemarkt treffen die Branche direkt und ohne Vorlaufzeit. Steigende Kraftstoffkosten führen zu erheblichen Liquiditätsbelastungen, da Unternehmen diese zunächst vorfinanzieren müssen.
„Das ist kein normaler Anstieg mehr. Das ist ein Preisschock“, sagt Benedikt Roßmann, Geschäftsführer von Ansorge Logistik. Die Auswirkungen seien entlang der gesamten Wertschöpfungskette spürbar – von Speditionen über Frachtführer bis hin zu Verladern. Sollte das Kostenniveau anhalten, bestehe aus seiner Sicht sogar das Risiko weitergehender wirtschaftlicher Verwerfungen.
Auch aus Verbandssicht zeigt sich die Dynamik deutlich: „Für viele Unternehmen kommt das über Nacht. Bei größeren Flotten sprechen wir schnell über mehrere hunderttausend Euro zusätzlicher Liquidität, die vorfinanziert werden muss“, erklärt Andrea Marongiu, Geschäftsführer des VSL Baden-Württemberg e.V.
E-Mobilität gewinnt an Dynamik – bleibt aber komplex
Vor dem Hintergrund steigender Dieselpreise rückt die Elektromobilität stärker in den Fokus – zunehmend auch aus wirtschaftlicher Perspektive.
„Der aktuelle Kostendruck wirkt wie ein Beschleuniger für strukturelle Veränderungen“, so Gunnar Gburek, Company Spokesman bei TIMOCOM. „Was vorher vor allem unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten diskutiert wurde, wird jetzt zunehmend betriebswirtschaftlich bewertet.“
Diese Verschiebung zeigt sich auch im Markt: „Die Unternehmen, die bereits elektrifiziert haben, sehen sich bestätigt. Sie haben einen Teil des Problems bereits gelöst,“ so Andrea Marongiu, Geschäftsführer des VSL.
Gleichzeitig verändert sich die Nachfrage deutlich. „Wir sehen aktuell einen stärker kostengetriebenen Bedarf nach E-mobilen Lösungen,“ sagt Benedikt Roßmann, Geschäftsführer von Ansorge Logistik.
Dennoch bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. Neben Investitionen in Fahrzeuge sind zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen sowie eine leistungsfähige Ladeinfrastruktur erforderlich. „Elektromobilität ist eine Lösung, aber die Umsetzung ist aktuell noch begrenzt“, erklärt Hans-Jörg Haller, Geschäftsführer von Translogica.
Langfristig gilt der Trend jedoch als gesetzt: „Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten“, betont Hubert Borghoff, Head of Logistics / Vice President von GROUP7 AG. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass Eigenstromlösungen, etwa über Logistikimmobilien, nur einen Teil der Antwort darstellen und infrastrukturelle Herausforderungen bestehen bleiben.
Kostendruck treibt Digitalisierung als operativen Hebel
Parallel zur Antriebswende entwickelt sich Digitalisierung zunehmend vom strategischen Zukunftsthema zum operativen Instrument im Umgang mit Volatilität und Kostensteigerungen.
„Mit digitalen Lösungen können wir unsere Kunden dabei unterstützen, Kostenentwicklungen transparenter zu machen und besser zu steuern“, erklärt Hans-Jörg Haller. Anwendungen wie Dieselpreisindizes ermöglichen eine schnellere Reaktion auf Marktveränderungen.
Auch indirekte Effekte werden sichtbar: „Wir sehen aktuell deutlich, dass Schulungen für kraftstoffeffizientes Fahren wieder stärker nachgefragt werden“, berichtet Andreas Rinnhofer, Geschäftsführer bei INN-ovativ GmbH & Co. KG | SPEDIFORT.
Aus Sicht von TIMOCOM zeigt sich damit ein klarer Trend: Digitale Plattformen und datenbasierte Anwendungen gewinnen an Bedeutung, um Marktveränderungen frühzeitig zu erkennen und operative Entscheidungen fundierter zu treffen. „Digitalisierung und KI werden zunehmend zu einem operativen Wettbewerbsfaktor“, erklärt Gunnar Gburek. „Unternehmen, die ihre Daten und Prozesse im Griff haben, können deutlich schneller auf Marktveränderungen reagieren und ihre Effizienz gezielt steigern.“
Künstliche Intelligenz: Zwischen Aufbruch und Realität
Zwischen Vision und operativer Anwendung zeigt sich derzeit ein breites Entwicklungsspektrum. „Wir sprechen nicht mehr über Tools, sondern über KI-Mitarbeiter“, beschreibt Andrea Marongiu die Entwicklung aus Verbandssicht. Gleichzeitig befinden sich viele Unternehmen noch in der Orientierungsphase. Für viele stellt sich aktuell die zentrale Frage, was tatsächlich bereits praxistauglich ist – und was noch im Bereich des Hypes liegt.
Einige Marktteilnehmer setzen KI bereits gezielt ein: „KI kann repetitive Aufgaben übernehmen und Prozesse deutlich effizienter machen“, erklärt Hans-Jörg Haller. Auch in der Praxis zeigt sich der Nutzen: „Wir nutzen KI, um Transportprozesse effizienter zu steuern und die Auslastung zu verbessern“, so Hubert Borghoff.
Trotz technologischer Fortschritte bleibt die Umsetzung die zentrale Herausforderung. Neben der Verfügbarkeit von Lösungen sind vor allem Know-how und Mindset entscheidend. „Die größte Hürde ist nicht die Technologie, sondern das Umdenken“, so Andrea Marongiu. Auch aus Anbietersicht zeigt sich ein klarer Bedarf an Qualifizierung: „Wer KI nur wie einen Taschenrechner nutzt, wird ihr Potenzial nicht ausschöpfen“, erklärt Andreas Rinnhofer.
Fazit: Branche im Spannungsfeld von kurzfristigem Druck und langfristigem Wandel
Die Gespräche zeigen ein klares Bild: Die Logistikbranche bewegt sich gleichzeitig in einer Phase hoher Marktvolatilität und einem tiefgreifenden Transformationsprozess.
„Die aktuellen Entwicklungen erhöhen den Handlungsdruck erheblich. Gleichzeitig sehen wir, dass viele Unternehmen gezielt in Zukunftstechnologien investieren“, ordnet Gunnar Gburek ein. „Entscheidend wird sein, wie schnell es gelingt, diese Technologien in die operative Praxis zu überführen und gleichzeitig wirtschaftlich stabil zu bleiben, gerade im europäischen Wettbewerbsumfeld.“